Weiss

Weiss
(bilingual blogpost about WHITE, BLACK, GREY, zweisprachiger Blogartikel zu SCHWARZ, WEISS, GRAU > click here)

Die Farbe zwischen Unschuld und Wollust

Weiß als abstrakte Farbe
Weiß ist Farbe des Lichts, der Reinheit, des Ideals und somit des Abstrakten.
Nach Goethes Farbenlehre stellt Weiß die Trübe dar, durch die das Auge des Beobachters auf Licht und Finsternis schaut, um so die Regenbogenfarben zu erblicken. Weiß steht über den Farben, es stellt eine Metafarbe dar. Das zeigt sich darin, dass sich alle Lichtfarben zu weiß mischen.
Das Abstrakte der Farbe Weiß zeigt sich ferner an der geringen Farbreichweite von Weiß: Wird in Weiß ein wenig einer anderen Farbe eingemischt, verliert es seinen Farbcharakter. Keine andere Farbe besitzt eine derart geringe Farbreichweite, keine andere Farbe beschmutzt sich derart schnell.

Weiß ist das technisch Reine und das Coole. Die Sucht, angesichts der ökologischen Krise alles sauber zu machen, ist verständlich – aber natürlich ist Weiß synthetisch. Das weiße Mehl, der weiße Zucker und das berüchtigte Weißbrot gehören nicht gerade zu den gesunden Lebensmitteln. Die gereinigten Drogen sind diejenigen, die hochgradig süchtig machen wie Heroin und Kokain, das bezeichnenderweise als Schnee bezeichnet wird. Der Trip wird dann white horses genannt, die Entzugserscheinungen white turkey.
Weißes Papier gefährdet unsere Flüsse und die großen Weißmacher, die Waschmittel erst recht. Aber wir haben eine weiße Weste, denn Herr und Frau Saubermann bemühen sich wacker um Reinheit.

Psychologie von Weiß
Reinigung
Weiß symbolisiert häufig einen Neuanfang. Man reinigt sich von der Vergangenheit. Dieser Reinigungsdrang erzeugt eine Weißbesessenheit – die Weißwäscher, über die sich Bert Brecht in „Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher“ lustig machte. Die Waschmittelwerbung nimmt dagegen das weißeste Weiß bis zur Lächerlichkeit ernst. Die gute Hausfrau ist rein, fürchterlich steril, und es verwundert nicht, dass sie keiner begehrt und sie sich in ihrer Frustration noch extremer der Reinheit zuwendet. So viel Reinheit hält keiner aus. Zu makellos weiß ist unmenschlich und unnatürlich, da bleibt kein Platz für die Lust.

Kalter Intellekt
Weiß wurde von Aubrey Beardsley im Jugendstil und Louis Meyer geliebt. Letzterer eröffnete seine Schwarz-Weiss-Gallerie 1897. Es war die Obzession der Viktorianer alles weiß und rein zu machen, aber auch der Ausdruck ihres distanzierten kalten Intellekts. Freilich drückt Weiß Klarheit aus, aber eine beängstigend unmenschliche Klarheit, eine Abstraktion und keineswegs das blühende Leben. Das Leben ist bunt, der Tod ist weiß wie die gebleichten Knochen.

Vergeistigung
Das weiße Einhorn, ein altes Symbol des männlichen Geistes, wird durch die weiß dargestellte Jungfrau angelockt, in deren Schoß es sein Horn legt. Dieses Einlassen auf das Jungfräuliche wird dem männlichen Geist zum Verhängnis. Das Einhorn wird getötet – meist um seines Hornes willen, dem man magische Stärke zusprach.
Weiße Vögel stehen für Vergeistigung, wie die weiße Taube, die ursprünglich Sophia, die griechische Göttin der Weisheit, symbolisierte.
Um den Geistcharakter der Farbe Weiß weiß die deutsche Sprache, in der das Wort „Weisheit“ etymologisch auf den Farbbegriff „weiß“ zurückgeht.

Weiß und Sex
Alles wird fürchterlich hygienisch. Nach Freud leben wir in einer hochgradig analfixierten Gesellschaft, die nichts mehr als den Schmutz bekämpft. Schmutzig ist das Natürliche, der Sex, die Körperausscheidungen. Ich erinnere an das erfrischende Interview mit Madonna, in dem sie gefragt wird, ob Sex schmutzig sei. Ihre geniale Antwort: „Nur wenn man sich nicht wäscht!“ Woody Allen übernahm dieses Bonmot.
Der japanische Modedesigner Issey Miyake ist einer der ersten, die Weiß als Modefarbe propagieren. 1999 kreiert er den aufsehenerregenden Ärzte-Look und argumentiert: Weiß ist männliche Autorität. Schon Freud erwähnte die sexy sexlosen Ärzte, welche die einzigen in unserer Gesellschaft sind, die andere sich ausziehen lassen dürfen, die aber im Stil der Zeit völlig clean bleiben. Wie in der Peep-Show und beim Table Dance lautet die Devise: betrachten, aber die Objekte des Begehrens nicht berühren.
70% der deutschen Bevölkerung empfinden Weiß als die perfekte Farbe für Dessous (immerhin tragen über 60% der Frauen zwischen 16-29 erotische Unterwäsche), denn Weiß zieht die Aufmerksamkeit in den Bann. Es zieht den Blick auf die Stellen des Begehrens. Weiß ist das engelhafte, unschuldig Reine, das man verführt und somit von der Reinheit befreit.
Die weißen Brüste wurden im Hoch-Mittelalter an dem Liebeshöfen Aquitaniens besungen, wo die Sexualität kultiviert werden sollte und zur gleichen Zeit galt der weiße Samen als der gute und fruchtbare Samen, der starke und gesunde Kinder zeugt. Die weiße Haut galt bis weit in die Neuzeit hinein als die reine Haut, die erotisiert wurde. Sie war stets verhüllt und gab sich nur den Blicken der Auserwählten preis. Das hat sich freilich im 20. Jahrhundert geändert, als im dialektischen Prozess gerade die dunkle Haut erotisiert wurde. Das Wilde wurde verständlicherweise dem Keuschen vorgezogen. Heutzutage ändert sich die Einstellung zur weißen Haut wieder. Die neue Prüderie, die aus den USA Europa heimsucht, wie die Ozonlöcher lassen die weiße Haut wieder zum Objekt der Begierde werde.

Farbe des Todes
Weiß ist die Farbe des Todes, der Abstraktion und der Erstarrung. In Melvills Bestseller „Mobby Dick“ wird die Farbe Weiß betont und ihr ein lesenswertes Kapitel gewidmet.
Der Symbolwert von Weiß als Farbe des Todes ist vom analogen Denken her naheliegend, denn weiß ist das Gerippe und die gebleichten Knochen. Weiß ist der Schnee im Winter, wenn alles abgestorben ist.
Im Aberglauben und der Magie sind es die weißen Tiere und weiße Blütenblätter, die den Tod ankündigen. Weiße Blütenblätter bei Blumen im Garten sollen gemäß des Volksglaubens den Tod eines nahen Verwandten ankündigen.

männliches Weiß
Dass Weiß in unserem Kulturbereich positiv gesehen und Schwarz dämonisiert wird, hat historische Ursachen. Ursprünglich (im Matriarchat?) war Schwarz die positive Farbe, als Farbe des Unbewussten, das stets weiblich gedacht wurde. Aus dem Dunkel wächst alles Leben. In Ländern der Ursprünge unserer Kultur – Zweistromland und Ägypten – war es die brennende Sonne, die den Tod brachte. Der schwarze Schlamm der Flüsse dagegen gab Fruchtbarkeit. In diesen Kulturen wurde das Göttliche in der Erde, im Körper gesehen. Im Patriarchat, das mit den Lichtmysterien aufkam, suchte man das Göttliche im Himmel und fand es in der Sonne. Es ging um die Überwindung des Körpers und um Vergeistigung. Man blickte nach oben, die Welt verlagerte sich in den Kopf. Damit wurde Weiß positiv und Schwarz negativ bewertet, worin sich eine Körperfeindlichkeit ausdrückte, die bis heute die Nachfolgemythologien dieser Lichtmysterien wie das Christentum prägt, obwohl in solch einer strengen patriarchalischen Ideologie wie dem Christentum sich auch das positive Schwarze hielt in den wundertätigen schwarzen Madonnen. Als man sie im späten Mittelalter weißte, verloren sie ihre Wunderkraft, die Pilger blieben aus und angesichts des ökonomischen Verlustes wurden sie schnell wieder schwarz lackiert – worauf sich die Wundertätigkeit, die Pilger und das Geld wieder einstellte.
Autoritäten tragen gerne Weiß wie Gurus, Ärzte, Päpste und die Macht ist den USA an das Weiße Haus gebunden.

Farbe der Aggression
Weiß ist eine aggressive Farbe, die ins Auge sticht. Das liegt physiologisch am Rhodopsin-Abbau in den lichtsensiblen Zellen der Augen.
In seiner Farbgestik überstrahlt Weiß alles und lässt es größer erscheinen. Ein weißer Gegenstand wird 1/5 mal größer wahrgenommen als ein dunkler. Weiß wirkt übergriffig.
Die aggressive Seite von Weiß drückt sich auch in den Anzügen im Kampfsport aus.

weibliches Weiß
Es gibt auch ein weibliches Weiß, wenn jedoch ursprünglich die weibliche Farbe Schwarz ist. Dennoch im Hexenzauber ist Weiß wichtig. Die nährende Milch aus den weißen Brüsten prägt die weibliche Seite von Weiß.
Juno, weiße Tara, die Sibyllen, das sind die weißen Frauen und im Christentum ist es Maria, die mit der weißen Lilie dargestellt wurde, und das Schneewittchen. Dies Anima-Projektionen, die sehr intelligent von dem mit Archetypen arbeitenden deutschen Film „Rossini“ ironisiert werden.
In Japan ist Weiß die weibliche Farbe wie in unserem Kulturbereich sie die Farbe der Jungfrauen ist, weswegen ganz in weiß geheiratet wird.
Weiß ist ferner die Farbe, sich zu ergeben und sich hinzugeben. Das Jungfräuliche ergibt sich, um erwachsen zu werden und die jungfräuliche Naivität hinter sich zu lassen.

Farbe des Schutzes
Weiß schützt gegen das Wilde, das stets schwarz gedacht wird. Da Ideologien wie das Christentum mit dem Wilden haderten, wurde Weiß dem Schwarzen vorgezogen. Allerdings findet man solche Tendenzen noch in der Magie, die besagt, dass sich auf ein weißes Tuch zu stellen, unangreifbar macht, und die das Blut weißer Tiere als zauberkräftig ansieht.
Weiß verweist auf Sauberkeit und Hygiene, die vor Seuchen schützen, weswegen in Seuchengebieten in Indien Umzüge mit weißen Fahnen veranstaltet werden. Und ursprünglich waren alle Pillen und Tabletten weiß.

Historischer Abschluss
Als im Mittelalter die Städte und somit das Bürgertum aufkam, waren die bunten Farben bereits durch den Adel besetzt. Er richtete sich nach der Heraldik. Das Volk trug ungefärbte Stoffe und zeigte sich in schmutzigen Naturfarben. Für das aufkommende Bürgertum blieb im Farbcode nur Schwarz und Weiß übrig, Farben, die seit dieser Zeit zumindest das mittlere Bürgertum kennzeichneten.